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L?

Am Postamt

Donnerstag, 4. Januar 2018, 17:55

Helles weißes Licht wird vom vorherrschenden Gelb reflektiert, der große Raum wirkt wie in Zitronensaft getaucht. Video-DVDs, Glückwunschkarten in knisternder Folie, Netflix, Wertkarten für Mobiltelefone, kleine Marzipanrollen, manche mit Schokoglasur, Klebebandrollen neben großen Polsterkuverts. Träge rückt die Reihe der Wartenden an. Es ist nur ein Schalter von dreien besetzt.

Das ändert sich plötzlich und ich gehe vor. Der Poststellenleiter ist freundlich, wir einigen uns auf die Paketvariante Nummer Zwo weil da auch die Haftungssumme höher ist im Schadensfall. „Das ist gut“ bemerke ich, „denn da ist eine Kamera drin zum Service“. Lauernd, wie immer bei solchen Gelegenheiten, versuche ich, im Gesicht meines Gegenübers zu lesen. Der Poststellenleiter lächelt undurchsichtig, um welche Kamera es sich denn handle.

Und wieder ist meine Stunde gekommen - mein Einsatz - um alte Qualität und bleibenden Wert zu beschwören! „Eine OM-4 Ti“ sage ich laut und strahle den Poststellenleiter überlegen an. Natürlich fragt er nach. Ich wiederhole langsam und weise darauf hin, mit tieferer Stimme jetzt, dass es sich um eine Kamera für Film handle. Und bereite mich auf weitere, einfache, Erklärungen vor. Vom Alter her müsste er wissen, worüber ich spreche, vermutlich wurde der Poststellenleiter bereits früh digitalisiert und hat vergessen, wie die meisten, mit denen ich ins Gespräch komme zu Analog wenn es sich ergibt.

„Ah, die kenne ich nicht“ sagt der Poststellenleiter lakonisch, „aber ich habe noch ...“ - und es folgt eine Aufzählung im Stakkato: Mamiya, Rolleiflex, Canon AV-1, Canon A-1, „wie hieß diese Vollmechanische aus den 50ern?“, 6 x 6, 6 x 7, 6 x 9 ...

Betäubt stehe ich am Schalter und verstehe nicht, was hier gerade passiert, ich wollte doch nur meine Ti zu Frank Timmann nach Hamburg schicken, der Poststellenleiter sah doch völlig harmlos aus. „Nein, ich scanne nicht“ fuhr der Poststellenleiter fort, „ich habe mir erst unlängst eine fixe Dunkelkammer eingerichtet, das muss alles original sein, ja, ich habe einen Laborator und einen zweiten als Reserve, gerade beschäftige ich mich mit Edeldrucken ...“.

Schwindel überkommt mich, mit dünner Stimme frage ich, ob der Poststellenleiter denn auch in Foren aktiv sei, APHOG zum Beispiel. „Ja, kenne ich, aber ich arbeite lieber in der Duka. Mamiya habe ich übrigens kiloweise, all das Zeug.“

Ich bezahle rasch das Porto und verabschiede mich verstört, alles wirkt auf mich als ob es nicht real sei. Als ich schon beim Ausgang bin, den Ausgang erreicht habe, ruft der Poststellenleiter mir nach. „Kennen Sie die Kiev?!“ Ich drehe wie auf Befehl um, nunmehr ohne jede Orientierung. „Warten Sie, da habe ich etwas“ sagt der Poststellenleiter und verschwindet in seinem Dienstzimmer. Kurz darauf kehrt er zurück - es stehen wieder Kunden in der Warteschlange - und stellt eine riesige Kiev-Mittelformatkamera mit Reflexsucher auf das Pult. „Dazu habe ich dieses Zeiss Sonnar, 180 Millimeter, Lichtstärke Zweiacht, super für Portraits!“ Ein großes schwarzes Objektiv fährt unter meine Nase, ich höre, dass es bereits einmal runtergefallen sei, der Poststellenleiter murmelt etwas und ich blicke auf eine blau und violett schillernde Frontlinse mit gewaltiger Dimension.

Die Warteschlange ist wieder länger geworden und der Poststellenleiter strahlt über das ganze Gesicht. Ich habe meine Fassung nun völlig verloren und greife den Poststellenleiter am Arm, ich müsse jetzt gehen, sonst könne ich nicht schlafen, aber ich käme bald wieder. Rasch verabschiede ich mich und laufe aus dem Postamt.

Die Straßenbeleuchtung ist mittlerweile angegangen und das letzte Licht des Tages mischt sich mit dem hellen Neonlicht der Straßenlampen, die auf Drähten über der Straße hängen, immer in exakt gleichem Abstand. Zitronengelber Schein umgibt mich und ich kann nur mehr denken, dass man unsereiner nicht erkennen kann.

Und dass wir überall sind.

Ganz sicher weiß ich das jetzt.

Handwerk

Dienstag, 2. Januar 2018, 17:48

Ich ziehe gerne mit der Kamera durch Wien.

Es sind einmal längere oder auch kürzere Ausgänge, bevorzugt in Stadtteile, die ich gut kenne. Denn da ist die Überraschung, dass es immer neue Motive gibt, nie ist etwas fotografisch vollständig erschlossen. Die Motivwelt verändert sich natürlich, aber noch viel mehr der Fotograf, der sich weiterentwickelt bzw. neue Sichtweisen in sich zulässt. Das macht mich sehr froh, denn da geht die Arbeit nicht aus und auch nicht die Motivation. Es bewegt sich - das ist wichtig :-)

Meine Kameras wechseln über die Jahre. Zu Beginn, 1986, war es eine Minolta X-700 mit einem Zoom 35-105. Damit fotografierte ich viele Jahre, dann und wann kamen auch ein 28er und ein 135er zum Einsatz. Das 250er-Spiegeltele blieb meist zu Hause, obwohl es hervorragende Qualität lieferte. Ich schämte mich für das „Tele des armen Mannes“ und ahnte nicht, dass es einmal einen Online-Marktplatz geben würde ;-)


Wieder von vorne anfangen?

Konica A4 als Minikompakte mit toller Abbildungsleistung, dann sehr lange Stillstand und Fotolosigkeit. Die digitale Fotografie kündigte sich in den 90er-Jahren an und ich fragte mich mit Bangen, was aus der bisherigen Fototechnik werden würde. Alles, was ich gelernt hatte, dann ohne Bedeutung mehr? Wieder von vorne anfangen, teure Geräte kaufen - womit? Und misstrauisch blickte ich in die Schaufenster der Fotogeschäfte was da an neuer digitaler Technik zu sehen war. Es wird noch lange dauern, sagte ich mir. Aber die sich ankündigende Veränderung belastete mich und ich hatte am Fotografieren keine Freude mehr.

2002 kaufte ich dann die erste digitale Kompakte. In der Schachtel auch eine CD mit Adobe Photoshop Elements 1.0. Jahre der Begeisterung für Digital folgten, ich lernte, kaufte Kameras im Jahres- und Halbjahresabstand, freute mich über meine erste Vollformat-DSLR und feilte an meiner Bildbearbeitung. Plugins kamen auf meine Rechner und gingen, ein Drucker folgte auf den Schreibtisch, Herausforderung Farbmanagement, viel Geld in Material investiert, das Drucken aufgegeben. Zu teuer und wohin mit den Prints.


Technisch so gut wie möglich arbeiten

Wichtig war mir immer der Workflow, das Bemühen, technisch so gut wie möglich zu arbeiten. Das ist auch Digital viel Arbeit und Mühe. Schließlich war alles soweit erkundet und eingerichtet. Die Fotoausgänge in die Stadt wurden zur Routine. Speicherkarte rein und raus, Kaffeemaschine starten und am Rechner die Fotoausbeute sichten und verarbeiten. Das klappte, die Ergebnisse stellten mich zufrieden, beim nächsten Mal wieder so.

Irgendwann dann freute es mich nicht mehr. Ausreden, das Wochenende ohne Kamera zu verbringen, fanden sich und ich hatte auch keine Ideen mehr wohin ich zum Fotografieren gehen sollte. Woran lag es?


Am Ende des Tages

Ich bin mir sicher, dass es an der Entgegenständlichung der Digitalfotografie liegt. Das ständige Arbeiten mit virtuellen Bildern, mit Daten, Tastatur und Maus erfüllt seinen Zweck, sehr gut sogar. Aber am Ende des Tages bleibt die zufriedene Müdigkeit aus. Das Bewusstsein, die Arbeit auch physisch - haptisch - erledigt, alles richtig gemacht zu haben und zum Lohn jetzt Bilder, die nicht nur inhaltlich befriedigen. So wie nach einer Nacht in der Duka und die Abzüge im ersten Morgenlicht auf Zeitungspapier zum Trocknen aufgelegt. Diese tiefe Zufriedenheit erreichte ich mit Digital nie.

Und daran komme ich nicht vorbei. Fotografie muss mich nicht nur im Kopf und den Fingetspitzen beschäftigen, sondern vollständig. Ohne Handwerk bleibt das Kopfwerk ohne Erdung. Die vielen Handgriffe - und Risken - bei der Arbeit mit Film fordern und fördern. Die Auseinandersetzung mit dem Material, das Lösen von Problemen, verbindet mit der Arbeit. Nie beschäftigt man sich mit seinen Motiven intensiver als über Film - Filmentwicklung - Ausarbeitung. Es ist wie eine Bergwanderung oder sogar Klettertour. Schließlich steht man oben und freut sich über das Erreichte. Am Weg nach Hause schon die Überlegungen, wie die Fotos aussehen werden, ob die Belichtung geklappt hat und worauf zu achten ist.

Den Menschen machen nicht nur seine Augen aus - er muss auch anfassen, anpacken können. Das bietet ihm die Filmfotografie.

Für mich gilt es. Auch Hybrid sind zwei Rollen Kleinbildfilm mit Selbstentwicklung viel körperliche - sinnliche - Arbeit. Die leiste ich gerne und ich bin für diese Erfahrung der Digitalfotografie - die ich schätze - sehr dankbar :-)